von 1085 bis St. Anna

1085 schenkte Manegolt von Leinstetten seinen Besitz, unter anderem "Aldtunsteiga" dem Kloster Reichenbach. 1230 kam Altensteig in den Besitz der Grafschaft Hohenberg. 1398 erwarben die Markgrafen von Baden die Stadt, 1399 auch den "Turn" von Altensteig mit allen Fisch-, Wald-, und Weiderechten des oberen Nagoldtales.

 

Geistlich wurde Altensteig von Altensteigdorf her versorgt. Das Kirchspiel Altensteig mit dem Hauptpfarrsitz im Dorf findet 1303 seine erste urkundliche Erwähnung. Zur Pfarrei Altensteigdorf gehörte neben Altensteig auch Heselbronn, Lengenloch, Zumweiler, (genauer: Ober- Mittel- und Sachsenweiler), bis 1556 auch Simmersfeld mit Beuren, Ettmansweiler und Fünfbronn).

 

Doch gab es bereits im ausgehenden Mittelalter unselbständige Pfarrstellen (Kaplane und Frühmesser). St. Annakapelle stand auf der heutigen Egenhäuserstr. südlich des Löwen, der heutigen St. Annaberg-Str. vorgelagert, und gehörte zum Weiler St. Annaberg, der vor 1399 noch nicht zu Altensteig gehörte. St. Anna war die Schutzpatronin der Bergleute. Im und um den Seltengraben wurde Silber abgebaut. Für die Kapelle wurde nach 1492 eine Kaplan-Stiftung aus Urnagold nach Altensteig überwiesen. 1512 erhält sie eine weitere, unmittelbare Stiftung und damit einen zweiten Kaplan. 1772 stand die Kapelle noch, 1836 aber ist sie bis auf das kleine, trapezförmige Grundstück mitten auf der Egenhäuser Straße auf der Stadtkarte verschwunden. Auf den bekannten historischen Darstellungen Altensteigs steht sie außerhalb des Blickwinkels.

 

St. Leonhard

aus Rammingers Seehbuch, 1613 (wlb)

Zum Weiler Talheim gehörte die romanische Leonhardskapelle (Alte Steige 2, die Erdgeschosswände sind noch in Teilen alter Kapellenbau). Die 1611 abgebildeten kleinen Fenster der Kapelle sind romanischer Bauart. Sie könnte demnach sehr alt sein. Altensteig kam 1483 und 1486 zu Pfründestiftung, der Stiftung von Pfarrstellen in der Stadt an der Leonhardskapelle. Sie wurden vom Obervogt und Pfandherren von Altensteig, Wilhelm von Urbach gestiftet. Im Dotationsbrief von 1483 wurde diese Pfründe mit dem Pfarrstellen-Besetzungsrecht auf die Bürgerschaft vererbt und ist später auch tatsächlich übertragen worden. Da die erste Lateinschule Altensteigs ebenfalls 1483 ihren Betrieb aufnahm (in der späteren Blume), ist anzunehmen, dass einer der Kaplane für den Lateinunterricht in der Stadt zuständig war. So blieb es im Grunde bis 1806. Auffällig ist der auffällig frühe Nachweis einer Lateinschule.

 

Angesiedelt war die Doppelstiftung an der St. Leonhardskapelle (heute: Alte Steige 2) zu Ehren der 100 000 Märtyrer, St. Marthis und St. Dionys sowie zu Ehren der heiligen Märtyrer St. Veit, St. Sebastian, Jakobus, des Apostels, St. Johanns, Theobalds und Bernhards. Die zugehörige Kaplanei stand zu Fuß der Nikolauskapelle neben dem Alten Rathaus (Blume), der zugehörige Garten oberhalb des Lindentores, am Standtort des heutigen Kindergartens in der Welkerstraße. Vogt Wilhelm von Urbach forderte dafür eine übliche Gegenleistung: für seine verstorbene Frau und nach seinem Tode für sich jährlich vier Gedenkandachten mit brennenden Wachskerzen auf seiner Familiengrabstätte je mit einer gesungenen Vigilie und zwei gesungenen Messen unter gleichzeitiger Mitwirkung von 8 Priestern. Die aus den Stiftungen bezahlten Pfarr- und Mesner-Gehälter, waren nicht alle nachhaltig angelegt, sodass die inzwischen zahlreichen Kaplanstellen in Altensteig im 16. Jahrhundert von der Altensteiger Bürgerschaft wohl spätestens 1527 auf zwei für Altensteig reduziert wurden. 1527 wurde das Grundstück der Leonhardskapelle in eine städtische Stiftung eines Bürgerspitals überführt. 1697 wurde das 1612 barock neu aufgebaute Gebäude privatisiert. Nach der Reformation wurde die Kapelle entwidmet aber nicht abgerissen. Der Turmreiter blieb bis ins 17. Jahrhundert sichtbar.

Die Altensteiger Marienbruderschaft

Die Altensteiger Kaplane und Priester führten ein gemeinsames geistliches Leben in der 1483 vom Bischof bestätigten Altensteiger Marienbruderschaft. Sie hatte ihren Sitz im ersten Altensteiger Pfarrhaus, der alten Kaplanei und späteren Blume. Dazu gehörten nach Möglichkeit die klösterlichen Gebetszeiten, zusätzlich nach der Vesper das gesungene Salve Regina vom Marienaltar aus gesungen, und etliche Seelenmessen. Es war üblich, dass sich auch Laien der Bruderschaft anschließen konnten. Die Kaplanei wurde 1556 zum Evangelischen Diakonat bis ins Jahr 1742. Zudem wohnten auch ein bis zwei Simmersfelder Kaplane, auch der Grömbacher gehörte zu Altensteig, bis Mitte des 16. Jahrhunderts meist in Altensteig.

 

Zum Vergleich: Wildberg hatte um 1500 8 Priester, Nagold 5, Gültlingen, Sulz und Ebhausen je 3. In Berneck wohnten etliche Kapläne, die den oberen Wald geistlich mitversorgten. In Altensteig lebten kurzfristig bis zu 12 Kapläne zur geistlichen Versorgung der Stadt und des Distriktes.

 

Die Kaplanei, des „Heiligen Himmelsfürsten St.Nikolaus zu Altensteig“ wird 1418 erstmals urkundlich erwähnt. Der romanische St. Nikolaus-Kirchenbau stammt wohl wie viele andere St. Nikolaus-Kirchen aus dem 12. Jahrhundert.

Kaufleute haben etliche Nikolauskirchen genossenschaftlich errichtet. Die Frömmigkeit der Laien fand damit einen neuen Ausdruck.

Die Markgrafen von Baden hatten vom Konstanzer Bischof Baden das Recht erhalten, die Kapläne an der St. Nikolauskapelle zu benennen, der erste uns namentlich bekannte Kaplan dort hieß: Nikolaus Bur. Bald waren es bis zu drei Kapläne an der Nikolauskapelle. 1467 ging dieses Besetzungsrecht für den Dienst am Altar der heiligen Jungfrau Maria, des heiligen Nikolaus und der heiligen Maria Magdalena an St. Nikolaus an den Obervogt Altensteigs über: Wilhelm von Urbach.

 

1483 kam eine schlecht bezahlte weitere Ottilienstiftung dazu, aus Altensteigdorf dem Volk von Altensteig gestiftet. Mit den St. Anna-Kaplänen und den in Altensteig wohnenden Kaplänen für die Orte und Weiler bis hoch nach Simmerfeld könnte die Altensteiger Marienbruderschaft also über 12 Priester beherbergt haben. Auf einen Priester kamen in dieser christlichen Aufbruchszeit - so wissen wir es aus der Bruderschaft in Berneck - etwa 20 Laienmitglieder (Berneck hatte seit 1486 seine eigene Johannnis und Paulibruderschaft. Dort kamen nach der erhaltenen Bruderschaftsliste auf einen Geistlichen etwa 20 Laienmitglieder und erlebte am Anfang des 16. Jahrhunderts einen Aufbruch mit 28 Geistlichen.) In dieser Zeit wurde die romanische Nikolauskapelle spätgotisch ausgebaut. Nach Wilhelms Tod 1493 wurden die Kaplaneien unter städtischer Regie weiter und später zusammengeführt. Die Stiftung Wilhelm von Urbachs hielt dennoch über 200 Jahre und wurde erst 1691 der Herrschaft Württemberg übergeben, die im Gegenzug die Kirchenbaulast übernahm.

Altensteig wird evangelisch

Bereits zwischen 1522 und 1528 gab es unter Markgraf Philipp ein reformatorisches Zwischenspiel: biblische, deutsche Predigt, Abschaffung von Prozessionen, Möglichkeit zur Heirat von Pfarrern, Abschaffung der Werktagsmesse, Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Pflicht zum Predigtbesuch. In dieser Zeit wurde die Leonardskapelle im Tal zur Sozialkapelle . Der zugehörige Grund wurde 1527 der Stadt zur Errichtung eines Spitals gestiftet. 1528 rückte der Markgraf aber nochmals unter römischen Einfluss. Zu dieser Zeit gibt es noch die dem Dorf zugehörige landesherrliche Pfarrstelle am Nikolausaltar. Sie wird 1531 eigens erwähnt. Neben ihr gibt es noch zwei Gemeindepatronate, die sich Dorf und Stadt teilen sowie die beiden Simmersfelder Kaplane, von denen mindestens noch einer bis 1556 in Altensteig wohnt.

 

Die Stadt Altensteig wurde unter der Herrschaft von Baden-Durlach 500 Jahre nach ihrer ersten urkundlichen Erwähnung, im Jahre 1556 endgültig evangelisch. Die Kaplanei wurde zum Diakonat. Vierzehn Jahre später, 1570 wurde die spätgotische Nikolauskapelle zur eigenen Pfarrkirche für die Stadt erhoben. Das unterhalb der Metzgerspost südlich vorgelagerte Gebäude wird zum ersten selbständigen Evangelischen Pfarrmt der Kernstadt. Es wurde erst  anfang des 20. Jahrhunderts für die neue Haldenstraße abgerissen. Das darunter gelegene Eckhaus der Altsstadt wurde nach seinem Storchennest auf dem Dach benannt. Der Pulverturm schloss die Altstadt nach Südosten ab. Auf dessen Grundmauern steht heute ein angedeuteter Turmnachbau.

 

Die Blume bleibt Pfarrhaus für die zweite Pfarrstelle, dem Diakonat, an die auch das Lehramt an der Lateinschule hängt. Das Diakonat wird 1743 mit der Stadt gegen das Gebäude in der heutigen Kirchstr. 13 eingetauscht und bleibt dort in Verbindung mit der zweiten Pfarrstelle in Verbindung mit der Lateinschule bis 1806.

Nikolauskirche und neues Pfarrhaus (1664)

Die Nikolauskirche ist nun Evangelische Stadtkirche. Die Maße der Kirche, sogar ein maßstäbliches Aufmaß sind überliefert: etwa 20x8 Meter, der Turm: 9,2 Meter hoch, sichtbar sind heute noch Teile der spätgotischen Südwand unter der Hainbuchenhecke und weiter in Rictung Pfarrhaus. Weitere Steine wurden vor allem in die Auffahrt zum Schloss eingearbeitet. Der romanische Vorgängerbau maß 12x8 Meter; der Dachansatz und Riegeleinlässe sind an der historischen Schlossmauer noch zu erkennen. Am 20. Dezember 1603 wurde Altensteig württembergisch.

 

1685 wurden auf dem Turm der alten Nikolaus-Stadtkirche drei alte, schlechtklingende  Glocken gegen neue Glocken (g´-b´-d´´) ersetzt. Sie wurden von den Gebrüdern Arnoldt im Jahre 1685 gegossen. Zwei davon hängen heute noch in der jüngeren Stadtkirche.

 

Erst 1715 erhielt Altensteig einen eigenen Friedhof.

 

Westlich neben der Nikolaus-Stadtkirche wurde 1662-1664 eine Ratsschreiberei erbaut (Kirchstr. 9). Am 8. November 1664 wurde sie noch vor ihrer Inbetriebnahme von der Stadt gegen das alte Evangelische Pfarrhaus (seit 1570, ca. 1910 abgebrochen) am Pulverturm ("Storchennest") unterhalb  der Metzgerspost (Paulusstr. 5) gegen einen Aufpreis getauscht. Das alte Diakonat (die frühere Kaplanei, Blumenstr. 1) wurde bis 1743 in der späteren Blume und von 1743 bis 1806 in der alten Amtei (K13) als zweites Stadtpfarramt weitergeführt.

Die neue Evangelische Stadtkirche (1775)

Das württembergische Wappen an der Evangelischen Stadtkirche Altensteig 1775. (c) Evangelische Kirchengemeinde Altensteig

Bis 1570 zählte Altensteig etwa 200 Einwohner. Bis 1717 noch wurden die verstorbenen Altensteiger auf dem Kirchhof von Altensteigdorf beerdigt. 1766 schrieb der Oberamtmann Grüb an den Herzog:

Nun hat sich die Einwohnerschaft sehr vermehrt, nun ist die alte Kirche zu klein geworden. Die Weiber drängen sich in die Mannsstühle und die später kommen, müssen in den Gängen stehen. Auch Gebrechliche können nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen“! 1768 hatte Altensteig 1050 Einwohner.

Am 16. Juli 1769 krachte das Gebälk der überlasteten Empore der Nikolauskirche. Viele Bürger boykottierten daraufhin den Kirchbesuch.

Am 26. Juni 1770 genehmigte Herzog Karl Eugen von Wirtemberg den Neubau einer Kirche. Aber innerhalb der Stadtmauer war dafür kein Platz vorhanden. So wurde die neue Stadtkirche außerhalb der ummauerten Stadt geplant. 1773 wurde mit dem Bau nach Plänen von Kirchenrats-Baumeister Wilhelm Friedrich Goez begonnen.

Am 12. Juni 1775 konnte Oberamtmann Grüb dem Herzog mitteilen: „Euer Herzoglicher Durchlaucht wolle ich hiermit in Unterthänigkeit berichten, daß das allhiesige Neue Kirchen- und Thurm Bauwesen, Gott Lob! Ganz zu End gebracht worden seye!“

Unter dem 1. Stadtpfarrer der neuen Kirche, Johannes Ehrenfried Busch (1766-1793), wurde noch 1775 eine 2-manualige Orgel mit 15 Registern angeschafft. Sie wurde 2001 durch eine Rohlf-Orgel ersetzt.

Die Stadtkirche bietet mit ihren Emporen mehr als 800 Menschen Platz. Aus der ehemaligen Nikolauskapelle wurde der alte Taufstein in die Stadtkirche gebracht. Die Fuß-Säule trägt die Jahreszahl 1557; das Steinbecken stammt von 1735. Auch drei Glocken der alten Kirche, gegossen 1685 von den Brüdern Johannes und Stephan Arnoldt, wurden in den 48 Meter hohen Turm der neuen Stadtkirche gehängt. Auch die alte Turmzier wurde übernommen.

1869 war der Abbruch der Nikolauskapelle abgeschlossen.

Im Jahre 1917 sprang die dritte Glocke und wurde 1921 von Firma Kurtz umgegossen (d´´).

1927 wurde als Holzbau die erste katholische Kirche nach der Reformation an der Karlsstraße errichtet (neu: 1968).

Am 27. Januar 1942 mussten zwei Stadtkirchen-Glocken (g´ und d´´) an die Reichsstelle für Metalle abgeliefert werden. Von diesen beiden Glocken kam nur die große g´ Glocke zurück und wurde am 09.11.1948 wieder an ihrem alten Platz aufgehängt. 1949 wurde die verlorene Glocke durch eine neue (c´´) ersetzt.

Die Evangelische Stadtkirche wurde im Verlauf der Jahre mehrfach erneuert und umgestaltet, 1911 (seither wachten zwei Engel zur Rechten und zur Linkender Kanzel über die Predigt), 1933 und 1961. Damals entstand auch das neue Altarwandbild von Prof. Rudof Yelin, dem Jüngeren aus Stuttgart.

Die Mittelstellung der Kanzel betont die zentrale Stellung der Verkündigung des Wortes Gottes in der Evangelischen Stadtkirche, die Orgel als Gegenüber der Wortverkündigung betont den geistlichen Charakter der Musik. 2 x 12 Emporensäulen symbolisieren die Ergänzung des Alten Bundes (12 Stämme Israels) durch den Neuen. Über allem steht der Auferstandene Jesus Christus. Der damalige Neubau vor den Mauern der Stadt steht Zeichenhaft für das seit dem Ende der Bibel vom Himmel erwartete neue Jerusalem, ein Motiv, das Yelin auf seinem Altarwandbild übernommen hat.

Quellen

  • Quelle:

    Fritz Kalmbach, Wo in Altensteig die St.-Anna-Kapelle stand, in: Nachrichtenbrief des Kreisgeschichtsvereins Calw 162, 2013.

  • Fritz Kalmbach, Historische Meile, 1997

  • Fritz Kalmbach, Altensteig 900 Jahre, 2000 
  • Friedrich Kühbauch/Fritz Oechslen/Hans Peter Jäger, Aus der Geschichte Altensteigs und senier Stadtteile, 1987
  • Rentschler, Die Reformation im Bezirk Nagold, 1917. Er zitiert mehrere Bände "Geistliche Verwaltung Altensteigs" (Staatsarchiv Suttgart) und das "Geistliche Lagerbuch Altensteigs" (Staatsfinanzarchiv Ludwigsburg).

  • Ab 1604: Siegelverzeichnis der württembergschen Landeskirche
  • Stadtverwaltung Altensteig [Hg.], Altensteig, 1997